Fahrenszeit auf Z3

Ich war auf Z3, dem "weißen Schwan der Ostsee" ab April 1964 und das als "schmutziges Heizerlein" in der E-Maschine. So gibt es einige Erlebnisse von dort zu berichten.

Wie hatten immer viel Spaß auf unserem Schiff, gleich welcher Art. An der Tirpitzmole in Kiel: beim Ablegen legte sich die Trosse um die Stoßstange eines VW-Bus, welcher Offiziere gebracht hatte, und alle winkten den Landratten zu, nur sah keiner, daß der VW-Bus sich langsam auf der Mole in Richtung Wasser bewegte. Bei den Sbsperrketten war dann eine Rettung in Sicht, und Z3 stoppte. Noch mal gut gegangen.

Z3 hatte auch bei Schießübungen in der Ostsee anstelle des Floßes mit der Jute den Schlepper Eisvogel angezielt. Der Fähnrich wurde kein Leutnant, wenn man sich um 1,5 Kilometer verzielt und mit einer Betongranate die Back des Käpten zertrümmert, stand in allen Zeitungen. "Schlepper Eisvogel fast versenkt".

Bei Schießübungen gegeneinander zwischen den Zerstörern wurde immer zwischen die Schornsteine geschossen - nur mit Betongranaten, wobei in der Munitionskammer unter Deck sich auch mancher vergriff und scharfe Granaten in den Aufzug tat, welche dann aber mit Fontänen endeten. Das Schießen wurde sofort beendet.

Die Heizer hatten immer Vorrechte, besonders in der Cafeteria. Wehe, es setzte sich eine Seeziege (semännisches Personal) an die Back der Heizer. Oh, dann war was los. Selbst der 1 O hielt zur Heizerei. Dort wurde auch der Kujambel (Saftgemisch) in einer großen Alukanne (noch vorhanden) vom 1 O in die Maschine gebracht. Die Seemänner konnten sich was holen, damit es den Heizern gut ginge und die E-Leute kein schwarzes Licht erzeugten. Dann war es dunkel auf dem Schiff, und alle brauchten Licht, Strom und die Maschine.

Bei der Reise nach Norwegen Richtung Spitzbergen hörten wir zuerst, daß ein Fischkutter Höhe Bergen auf See eine Kurbelwannenexplosion hätte und brenne. Wir fuhren zur Hilfe, kamen aber zu spät. Danach hörten wir, daß es keinen Landgang gäbe auf der Fahrt, nur Fahrt mit Highline Manöver. Das war zu viel, also kurze Beratung. Auf Höhe Trondheim ging der Kreiselkompaß in die Brüche - aus unerklärlichen Gründen. Manche wußten es. Es wurde versucht, Z3 in die Mitte zu nehmen, aber es schxlug fehl. Also Reparatur des Kompaß. Zuerst wurde die Ersatzkugel gesucht, die wurde aber versteckt. Keiner wußte wo, ich ja. So ersuchte man die Firma Anschütz in Kiel eine neue Kugel per Flieger auf See abzuwerfen. Der Seegang war zu hoch, und keiner konnte sie einbauen. So mußte sich der Monteur per Flieger und Bahn auf die Reise begeben nach Trondheim. Mittlerweile hatte man über die Nato und die Botschaften geklärt, Norwegen und dort den Hafen von Trondheim anzulaufen. Beim Einlaufen nach Trondheim kam und die Hanseatic entgegen, also war Winken angesagt. Alle winkten, nur keiner sah eine alte Holzpier, die uns im Wege stand.. Es krachte, und die Bohlen schwammen im Wasser. Es wurde gewunken und weitergefahren. Der Dampfer war aus Stahl, die Pier aus Holz. Ohne eine Wirkung zu zeigen wurde weitergefahren nach Trondheim, aber zum Leidwesen der Kameraden von Z1 und Z2 nur wir mit Z3.  Wir hatten Landgang ca. 3-4 Stunden bis zur Nacht, nur war nix los am Abend, und die Mädels waren von den Deutschen noch nicht so begeistert. Lediglich meine Kameraden hatten Glück, denn ich konnte ihre Sprache. Der Zorn kam dann von den anderen Zerstörern, als wir am nächsten Tage wieder ausliefen, denn diese mußten laufend Highline Manöver fahren mit Heizölübernahme. Wie hatten aber wenigsten einen Landgang geschafft.

Auf dieser Reise machten wir auch unsere Polartaufe, welche recht feuchtfröhlich verlief. Bei der Reise im Fjord wollten wir einen Eisbären fangen, der vor der johlenden Meute flüchtete, und wir mußten mit dem Kutter gerettet werden. Die See war kalt, wir hatten uns aber zuvor von innen gewärmt. Es gab einen Anschiß vom 1 O, der aber sehr human war. Er hatte genügend mit Käpten Fuchs zu tun, auch war der Flotillenchef an Bord mit einer üblen Uniform: blaue Hose, weißer Pullover. So legte er übelsten Wert auf eine glatt gebügelte Uniform. Er sah aus wie ein Fischerlui, aber ein toller Kamerad, wie alle Offiziere von Z3, Käpten und 1 O. Ich habe heute noch das Baströckchen, welches wir aus Fußmatten gemacht hatten, sowie den Dietrich mit der Helebarde. Diese wurden auf einer anderen Reise ins Nordmeer gefertigt. Mit von der Partie war der stämmige Bootsmann aus der Werkstatt, der immer den Neptun spielte, der Name ist mir entfallen.

In Wilhelmshaven hatten wir von Z3 Landgangsverbot., denn wir hatten die Stadthalle ausgeräumt, mit sanfter Gewalt. So durften wir nur zur Proviantübernahme dort einlaufen.

Bei einer Rückreise nach Kiel durch den Kanal haben wir die Schleusentore gerammt, und die Schleuse war gesperrt.

In Hamburg haben wir die Feldjäger verprügelt, nur weil diese unsere Ausweise sehen wollten nach der Brauereibesichtigung.

Wir waren unzertrennliche, "Fischer Lydian" von Sylt, "Popow" aus der Werkstatt, "Icke", der kleine BErliner, "Mungo", der rothaarige und meine Person, der "Poppei". Hierzu zählte auch der schwarzhaarige, stämmige, "Langer" oder "Rasputin" war sein Name. Er war in der Maschine tätig, und Waschen war Nebensache bei den kurzen Wasserzeiten, denn die Maschine brauchte Wasser, und dies wurde in der Seewasseraufbereitung entsalzt. Dieser Kamerad meldete sich beim Sani, er habe einen Ausschlag an den Armen und Gesicht. Es waren lauter schwarze Flecken, nur war es kein Ausschlag. Bei der Heizölübernahme mußte er immer an den Peilrohren den Ölstand mit einer Messingstange peilen, und das Öl spritzte aus den Löchern. Das waren die Punkte auf der Haut. Er bekam vom Sani Waschbenzin zur Säuberung und der Ausschlag war geheilt.

Wir haben in der Werkstatt mit dem Brenner Eierpfannkuchen aus 120 Eiern gemacht, welche wir aus der Last entwendet hatten. Es gab keine Strafe, denn es war auch unser Offizier beteiligt am köstlichen Mahl, wobei das Essen sehr schmackhaft und auch reichlich war. Es war der Reiz.

Wir haben auf dem Gazastreifen in Kiel am Ostseekai unser Schiff verkauft an einen Gönner, welcher uns das Essen und Trinken zahlte, weil wir ihm einige alte Messingschlüssel übergaben, welche in der Werkstatt rumflogen und zu diesen Zwecken genutzt wurden. Der Gönner hat dann am nächsten Tag bemerkt, daß er ein Kriegsschiff erworben hatte und keine Segeljacht als Schnäppchen. Dumm gelaufen. Wir hatten aber einen gelungenen Abend ohne Geld, er kein Schiff.

Auf einer Reise hatten wir bei stürmischer See nur Verkehr über Oberdeck zum Waschen. Einer hat es mißachtet. Dabei wurde von einem Brecher das Schott zum Waschraum abgerissen. Wir fanden im Fangnetz am Heck den Waschbeutel, den Kameraden nie mehr. Das war sehr traurig, aber wer unvorsichtig war, hatte es auch zu spüren bekommen. Hier war es eine unschöne Sache.

Auch war das Schlafen in einem Raum mit 60 Mann ein Erlebnis - bei gleichmäßigem Mief und der Heizertrommel (hier handelte es sich um die Müllpütz aus Wellblech), die am Niedergang stand und von einigen Spätheimkehrern mit einer Bierflasche gerührt wurde. Bei Seegang rollte oft eine leere Bierflasche im Schlafdeck hin und her, aber keiner raffte sich auf diese zu entfernen. Man wartete bis zum nächsten "Peng".

Saubere Klamotten durfte man nicht aus den Augen lassen, sonst hatte sich ein anderer diese genommen und ging an Land. Das war die Strafe für die Nachlässigkeit. Auch zu große Schuhe waren kein Hinderungsgrund. Man steckte Papier hinein und ging an Land. Hemden, Socken, Hosen waren begehrte Artikel, welche nach dem Landgang wieder am Platz lagen - natürlich schmutzig.

Ein schönes Erlebnis an Bord war das zollfreie Einkaufen. Es gab einiges wie Schokolade und vieles mehr, so auch Parfüm, naturlich große Flaschen. Wenn es auf Urlaub ging, wollte man ja nicht nach Diesel riechen. Also wurde aus der großen Flasche nicht nur ein Tröpfchen genommen, nein, es wurde gegossen, und dan ab in den Zug nach Hause. Dort richteten sich schon die Augen auf einen, nur selbst kam einem der Geruch oder Gestank nicht so vor. Zu Hause angekommen, sagten einem schon die Eltern: Wie stinkst Du denn? So wurden auch die Worte benutzt, welche nicht so jugendfrei waren. Selbst hatte man das Gefühl einen Duft zu haben und stank wie ein Pavian.

Nach meiner Fahrenszeit auf Z3 hatte ich noch ein tolles Erlebnis. Ich war auf einem US Navy Schiff DLG 17 USS Harry E. Yarnell. Es war ein Lenkwaffenzerstörer, 377 Personen Besatzung, das heißt 370 Männer und 7 Frauen, Heimathafen Norfolk in Virginia USA. Die Frauen wurden gehütet wie die rohen Eier, damit nix geschehe diesen Damen. Es wurde sogar das Essen an die Back gebracht, wenn es möglich war, und es waren Offiziere bis Krankenschwester. Selbst der ungehobeltste war ein Gentleman bei den eigenen Damen, sonst waren alle Freiwild. Diese nicht - so ändern sich auch Marinierte gleich welcher Nation. Von dort habe ich sogar nach meiner Ausschiffung eine "förmliche Anerkennung" erhalten vom Kommandanten Käpten Rothernell, mit Sonderurlaub. So etwas ist einem aber peinlich, bei der Rauferei.

Ach, es gibt noch viele schöne Stunden aus der Marinezeit zu berichten, nur zu schöne Stunden, die ich nie missen möchte, denn erstens waren alle eine verschworene Gemeinschaft untereinander auf einem Schiff, die zusammen hielten, egal wann und wo. Dazu noch eine schmucke Uniform, auch die im Takelpäckchen, wenngleich es auch nur die Arbeitsklamotten waren. Heute ist alles anders geworden, einiges an der Tradition verloren gegangen, was ich sehr bedauere. Ich persönlich war vor meiner Marinezeit schon teilweise in der Fischerei in Dänemark, und die See hat mich seit 1958 nie mehr losgelassen. Noch heute muß ich mindestens ein Mal im Jahr an die See oder auf See, und wenn es die Fähre nach Skandinavien ist.

Dies war ein kurzer Abriß vom Zerstörerleben eines Mariner, der die Fahrenszeit nie bereut hat.

Seit meiner Fahrenszeit und der Eintragung in das Bartwachsbuch 1964 trage ich einen Bart, den ich nie mehr ablegte, wenn er sich auch heute hellgrau zeigt - er bleibt für immer.

Mit vielen Grüßen

Rolf von Z3. Ich könnte Bücher schreiben von Bord

Rolf Wiedemann


zurück